Interview Business Monat: Mobilität zum Selbermixen

Mobilitätswende, SUV-Partys und Gratis Öffis? Barbara Muhr, Vorstandsdirektorin der Holding Graz, über die Zukunft der Mobilität in Graz, multimodale Mobilitätsformen und neue Angebote für Hardcore-Autofahrer.

68512.2Das Ergebnis der Mobilitätserhebung in diesem Jahr wies einen Anstieg des Autoverkehrs in Graz um zwei Prozent aus. Ist Graz eine rettungslose Automobil-Hochburg?

Nein, weil sich glücklicherweise auch der Öffentliche Verkehr (ÖV) positiv entwickelt hat. Wir sehen es an den steigenden Fahrgastzahlen. Im abgelaufenen Jahr gab es einen Rekordwert von knapp 106 Millionen Fahrgästen in Graz und Graz-Umgebung. Andererseits ist Graz aufgrund seiner Beschaffenheit wohl immer noch ideal für Autofahrer. Es gibt weder eine City-Maut noch sonstige Beschränkungen. Jeder kann sich auch in der City-Kernzone ungehindert mit dem Auto bewegen.

Bemerken Sie eine Änderung des Mobilitätsverhaltens in der Bevölkerung?

Ich bin optimistisch, dass sich immer mehr Menschen besinnen und ihre Mobilität verändern werden. Ein langwieriger Prozess, weil Mobilität von Kind auf gelernt wird. Daher fallen mir gewisse Phänomene besonders auf, wie z. B. die berühmten SUV-Partys vor Grazer Schulen, wenn sich mittags bei den Ursulinen oder beim Sacré Coeur Kolonen von SUVs drängeln – drinnen meist ein Erwachsener, der ein Kind abholt. Hier wird auch ein bestimmtes Mobilitätsverhalten anerzogen. Aber es gibt auch den gegenläufigen Trend. Denn in meiner Generation war der Führerschein noch eine Art zweite Matura, heute – ich sehe es in meiner Familie – hat er nicht mehr diesen Stellenwert, zum Teil haben junge Leute keinen Führerschein mehr oder sie setzen auf Car-Sharing unter dem Motto „Nutzen statt Besitzen!“.

Was tun die Graz Linien, um den Umstieg auf den ÖV zu forchieren?

Wir versuchen aus dem klassischen Geschäftsfeld Öffentlicher Verkehr, der immer unser Backbone sein wird, sogenannte multimodale Mobilitätsformen zu entwickeln. Sprich, der Kunde soll verschiedene Verkehrsmittel miteinander kombinieren können. Sei es das Elektrofahrrad, ein E-Roller, ein Taxi oder Car-Sharing – jeweils immer im Mix mit dem öffentlichen Verkehr. Dazu haben wir konkrete Produkte entwickelt, etwa Ride & Roll, wir wir Jahres- und Halbjahreskarten gemeinsam mit günstigen Pedelecs, Elektrorollern oder hippen U-Carvern anbieten. Damit sind wir am Puls der Zeit, denn derzeit ist eine Mobilitätswende im Gange – ähnlich der Energiewende. Diese Wende wird sicher noch eine Zeit brauchen. Entscheidend ist immer, dass der Konsument auch bereit ist, sein Verhalten zu ändern.

In die Köpfe reinzuwirken ist wohl das Schwierigste?

Auf jeden Fall. Was uns aber hilft ist der Umstand, dass das Thema Elektromobilität langsam in den Köpfen ankommt. Dieses ist anfänglich ja sehr mit Skepsis beäugt worden – als sei es Science-Fiction. Aber jetzt sieht der Otto-Normal-Verbraucher, dass sich die Produkte weiter entwickeln und bereits echter Lifestyle sind. Eine Entwicklung, die uns entgegenkommt. Im Rahmen der Modellregion E-Mobilität haben wir dahingehend verschiedene Projekte am Laufen, wie die KombiMo, die kombinierte Mobilität – sie sieht künftig vor, an sogenannten Hotspots wie großen Endhaltestellen, den Öffentlichen Verkehr mit Elektro-Taxi, Leihfahrrädern etc. zu kombinieren.

Sind Aktionen wie Feinstaubticket oder eine billigere Jahreskarte sinnvolle Maßnahmen zur Belebung des ÖV?

Das Feinstaubticket wird ein Anreiz sein, für die ganz spezielle Zielgruppe der Hardcore-Autofahrer zu sagen: Probiert es einmal aus! Zumindest einmal in der Woche lasst das Auto stehen und versucht es mit den Öffis! Die vergünstigte Jahreskarte wiederum sehe ich als Angebot der Politik an die Gesellschaft, sich in einer Stadt vorwiegend öffentlich zu bewegen. Dabei ist das Angebot dermaßen attraktiv, dass man daran kaum noch herumkommt.

Wäre es denn nicht konsequenter, den Öffentlichen Verkehr gleich komplett freizugeben?

Das wäre sicher ein radikaler Ansatz. In den wenigen Städten, die es probieren, funktioniert es aber nicht wirklich. Ich bin kein Anhänger von einer Gratis-Kultur. Weil: Was nix kostet, is nix wert.

Wie steht es um den Netzausbau in Graz?

Wir würden sehr gerne ausbauen und es wäre auch dringend notwendig – aber leider gilt: Ohne Geld ka Musi. Da sind wir ganz auf den Eigentümer angewiesen. Dass der ÖVP ausgebaut werden müsste, ist jedem klar, aber man kann der Politik keinen Vorwurf machen. Wo soll sie das Geld hernehmen, wenn nicht genügend da ist?