Ridi Steibl

Von der Erwachsenenbildnerin zur engagierten Frauen- und Familienpolitikerin wieder zurück zu den Wurzeln als Erwachsenenbildnerin.

68359.2VP-Frauen: Als erstes: Herzliche Gratulation zum Ehrenzeichen des Landes Steiermark, das dir vor kurzem verliehen wurde. Es ist erfreulich, dass wieder einmal eine Frau eine Auszeichnung erhielt und vor allem auch, dass DU diese Persönlichkeit bist.

Ridi Steibl: (lacht) Danke! Ja, das war aber auch keine Selbstverständlichkeit…!

VP-Frauen: In deiner Vita ist zu lesen, dass du jetzt, nach deinem Ausscheiden aus der Politik zu deinen „Wurzeln“ zurückkehrst, du bist ja Erwachsenenbildnerin und Lebens- und Sozialberaterin. Wenn du diese Arbeit damals 1985 mit der heute vergleichst – was hat sich verändert?

Ridi Steibl: Sehr viel, der Markt ist in diesem Segment um vieles gesättigter, es gibt unglaublich viele Angebote. Neben vielen sehr gut ausgebildeten Beraterinnen und Beratern gibt es auch viele, die die Ausbildung quasi im Schnellverfahren durchlaufen haben.

Es haben sich aber auch die Problematiken verändert. War es früher vielfach notwendig, (den Frauen) Instrumentarien zur Selbstbehauptung, zur Durchsetzung zu geben bzw. vermitteln, sehe ich meine Tätigkeit heute eher in einer Begleitung in einer bestimmten Situation. Die Beratung ist eher eine Schnittstelle zwischen zwei Entscheidungen. Früher war die Arbeit inhaltlich intensiver, heute ist es vielfach Mediationsarbeit.
Es haben sich auch die Voraussetzungen zum Positiven geändert: Durch unser Bildungssystem ist vieles selbstverständlich geworden.

VP-Frauen: Du warst seit 1983 in politischen Funktionen tätig.
Jetzt, seit November 2013 bist du aus dem politischen Geschehen ausgestiegen.
Fehlt dir der politische Alltag?

Ridi Steibl: Anfangs schon ziemlich. Durch meine lange Tätigkeit, v.a. auch im Nationalrat, hatte ich mit einem „Verlust des verankert Seins“ zu kämpfen. Diese Abgeschnittenheit – einerseits von den politischen Zirkeln aber auch von der Kommunalpolitik dauerte eine Zeit. Ich treffe mich aber privat immer wieder mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Parlament und dem Landtag, ja und die eine oder andere Einladung aus den Gemeinden gibt es auch. Ich habe aber für mich eine Regel: „Wenn du aufhörst sollst du dich wirklich zurücknehmen und nicht gute Ratschläge geben – außer du wirst gefragt.“

VP-Frauen: Hat es in der dieser deiner Zeit in der Politik eine Veränderung ergeben?

Ridi Steibl: Ja durchaus.
Der zeitliche Rieseneinsatz, den ich und viele andere noch betrieben haben, wird in dieser Form etwas weniger eingesetzt, die Funktionärinnen und Funktionäre sind „technokratischer“ geworden. Da aufgrund der Vielzahl von neuen Parteien und Gruppierungen der „Kuchen immer kleiner wird“, ist es ungleich schwieriger für Frauen, sich durchzusetzen, da uns vielfach das Netzwerken abgeht. Ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebührt eine große Wertschätzung, auf diese darf man weder als gewählte Mandatarin noch als gewählter Mandatar vergessen.

VP-Frauen: Was war die politische Funktion, die dir am meisten Freude gemacht hat und welche war die erfolgreichste?

Ridi Steibl: (lacht) Also am meisten Freude hat mir die Funktion als Bezirksparteiobfrau gemacht! Und als größten Erfolg sehe ich den Aufbau des Referates Frauen und Familien und der Aufbau des Gründerinnenzentrums in Graz. Die Funktion der Familiensprecherin hat mir auch sehr viel Freude gemacht – da konnte ich auch viele der VP-Positionen einbringen.

VP-Frauen: Beruflich kommst du ursprünglich aus der Diözese Graz Seckau, du warst dort u.a. für Erwachsenenbildung zuständig. Du kennst auch die Katholische Frauenbewegung. Sind Frauenbewegungen (konfessionelle und politische) in unserer Zeit noch notwendig und worin unterscheiden sie sich?

Ridi Steibl: Ob Frauenbewegungen notwendig sind? Ein ganz klares JA! Es wurde für Frauen – und auch Familien in der Vergangenheit vieles erreicht. Obwohl ich schon Frauen- und Familienpolitik trennen möchte! Aber ich sehe derzeit, dass das Pendel j- was Frauen anlangt – wieder zurück schlägt.

Die Genderdiskussion ist wichtig, denn sie macht Frauen sichtbar. Man darf aber nicht den Fehler machen, in dieser Diskussion das Maximum des Notwendigen zu sehen. Es sind noch viele Aufgaben zu machen – vom gleichen Lohn für gleichwertige Beschäftigung bis hin zur besseren Akzeptanz und leistbaren Väterkarenz.

Meiner Meinung nach gelingt es nur über die Bildungsschiene hier ein wirkliches Umdenken zu erreichen. Und zwar über gesellschaftspolitische Bildung, über Berufswahl und Information dazu, über Kollektivverträge. Neben der Schule kommt da aber auch den Eltern eine ganz große Verantwortung zu!

VP-Frauen: „Taten statt Worte“ ist, könnte man sagen, „dein Kind“

Ridi Steibl: Ja, das ist es wohl und bei „Taten statt Worte“ arbeite ich auch nach wie vor mit! In der Steiermark waren wir die ersten, die diese Aktion einführten, in der Schweiz und in Deutschland gab es das ja bereits.
Familienfreundlichkeit in einem Betrieb nutzt allen beteiligten – dem Arbeitgeber und den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern! In diesem Zusammenhang ist die Wahlfreiheit ein ganz wichtiges Anliegen!

VP-Frauen: Auch hier – gibt es eine Retro-Bewegung?

Ridi Steibl: Ja, das glaube ich!
Es ist notwendig, wieder etwas Tempo heraus zu nehmen – wir haben mehr Zeit denn je – die Frage ist, wie wir sie nutzen!
Die Medien spielen eine große Rolle – vieles ist dem Schein, der Äußerlichkeit geschuldet. Und auch da geht es um Wahlmöglichkeit – wo gehöre ich dazu, wo möchte ich dazu gehören? Wie stark bin ich in meiner Persönlichkeit, dass ich „unmoderne“ Entscheidungen aushalte?

68359.3VP-Frauen: Was vermisst du derzeit im politischen Geschehen?

Ridi Steibl: Ich vermisse, dass wir das Gute, das wir in Österreich haben, wirklich schätzen. Das allerdings vermisse ich nicht nur im politischen Geschehen.
Die Zukunft können nur mit Bildung positiv gestalten – unsere Umwelt, unser Umfeld, die Arbeitswelt. Wir brauchen Werte, zu denen wir stehen, und die wir uns auch trauen, zu vertreten. Werte in den Familien, im Arbeitsleben. Wir brauchen freie Entscheidungen und Wahlfreiheiten – ob bei der Kindererziehung oder der Pflege!
Und bei all dem wird der Grundstock in den Familien gelegt! Sie sind unsere Wurzeln.

Vereinbarkeit kann nur gelingen, wenn auch die Chefs umdenken – nochmals: Familienfreundlichkeit zahlt sich für alle Beteiligten aus. Es ist aber nicht möglich, ein Modell auf alle Betriebe und Betriebsformen anzuwenden – hier sind Innovation und Ideenreichtum gefordert. Eigeninitiativen müssen sich aber auch auszahlen.

VP-Frauen: Welchen Tipp gibst du (jungen) Frauen, die eine politische Funktion anstreben?

Ridi Steibl: Geht mit Einsatzbereitschaft aber auch Gelassenheit an die Aufgabe heran. Eine Grundvoraussetzung ist, Menschen zu mögen. Betreibt Politik mit Freude – dann strahlt ihr sie auch aus!
Lasst euch helfen aber nicht vereinnahmen. Sucht euch Netzwerke, Seilschaften – um vom praktischen Wissen und der Lebenserfahrung anderer, vielleicht älterer zu profitieren. Lernt Netzwerke und Seilschaften zu nutzen, selbst zu bilden und zu fördern.

VP-Frauen: Letzte Frage –in den 1980ern war ja „Reisen dein Beruf“ – was würdest du auf eine Insel mitnehmen?

Ridi Steibl: (lacht) Also ich würde auf eine Insel eine gute Flasche Wein, ein Feuerzeug und meinen Mann (ich gebe zu, das sage ich nicht immer) mitnehmen. Und vielleicht zur musikalischen Umrahmung eine klassische Blasmusik und ein bisschen Beethoven und Mozart.

VP-Frauen: Danke für das Gespräch!